Pfarrei St. Johannes, Hainsbach-Haindling, 14. Juli 2002, 10.00 Uhr
"Meine Stärke und mein Lied ist der Herr"
Primiz-Gottesdienst

p05-004
Predigt von Stadtpfarrer Horst Wagner, Regensburg


I

Lieber Michael, liebe Familie Reißer, liebe Mitbrüder, liebe Gemeinde von Hainsbach-Haindling, verehrte Schwestern und Brüder im Glauben!

Komm her, freu dich mit uns, tritt ein; denn der Herr will unter uns sein, er will unter den Menschen sein“ – so haben wir als Eröffnungslied dieses festlichen Gottesdienstes gesungen. Das ist es wohl, was Menschen auch heute in größerer Zahl als sonst beim Primizgottesdienst zusammenkommen läßt. Da ist die Freude über einen, den wir kennen, einen aus unserer Mitte, der den priesterlichen Dienst auf sich nehmen will. Da ist auch die Ahnung, dass Gott uns jetzt – wie in jeder Eucharistiefeier- besonders nahe ist.
So selbstverständlich ist das trotz aller Festesfreude heutzutage allerdings nicht. Viele Zeitgenossen halten Leichenreden auf das Christentum und die Kirche – übrigens auch keine neue Erscheinung. Aber könnten sie nicht diesesmal wirklich recht haben?
Unsere Kirchen werden leerer – nicht nur in den Städten. Christen werden weniger, die Heiden immer mehr. Kinder und junge Menschen hören im Religionsunterricht zum ersten Mal wirklich von Gott, müssen ohne Eltern zur Kommunion oder Firmung kommen, kennen den Gottesdienst nur aus gelegentlichen Besuchen. Viele Erwachsene kennen nicht einmal mehr die Grundantworten des Glaubens, gelegentlich nicht mehr das Vaterunser.
Ist es da nicht bald überflüssig, den Dienst des Priesters auf sich zu nehmen. Wer braucht ihn noch in 20 oder 30 Jahren? – so meinen einige. Andere halten einer zunehmend gottlosen Gesellschaft das Bild einer Kirche entgegen, die geprägt ist – ich zitiere – ...von einer Macht, die mit weltlichen Kategorien nicht zu messen ist ...“ und nennen den Priester ... Bote einer anderen Welt, die aber diese unsere irdische Welt durchdringt, ... Bote, der den wechselnden Interessen der Weit entzogen ist“ (aus Directorium spirituale“ Juni 2001).

II

Lieber Michael!
Mit beiden Einstellungen kannst du sicher nicht leben: Nicht mit dem Gefühl des Eigentlich-Überflüssig-Seins und auch nicht mit dem Gefühl des heute in manchen kirchlichen Kreisen wieder betonten Bewußtseins des Besonderen, des von den anderen Menschen Abgehobenen!
Wovon leben wir denn alle wirklich? Davon, dass es Menschen gibt, die uns annehmen, begleiten, verstehen – so wie wir selber sind; wir selber, nicht eine Rolle, eine Amt o.ä. Ich wünsche es dir, lieber Michael, dass viele von denen, die heute mit dir feiern, auch dann ab und zu an deiner Seite sind, wenn der Alltag beginnt, die Arbeit, auch die Erfahrung mancher Erfolglosigkeit.
Wovon leben wir denn wirklich? Sicher vom Wissen, dass Gott uns nahe ist. Meine Stärke und mein Lied ist der Herr“ – so hast du es, lieber Michael, in deinem Primizspruch aus dem Propheten Jesaja ausgedrückt.
Ja, wir leben davon, dass Gott uns nahe ist. Das unterscheidet uns Christen von manch anderen Religionen! Diese Nähe Gottes zu uns sollen die Menschen, für die du da bist, ein wenig an dir spüren können. Und das können sie nur, wenn du nicht abgehoben und abgegrenzt lebst, sondern mit ihnen. Im Lob- und Dankgebet über Brot und Wein, das wir dann sprechen werden, ist ganz konkret gesagt, wie das geht: Mache uns offen für das, was die Menschen bewegt, dass wir ihre Trauer und Angst, ihre Freude und Hoffnung teilen und als treue Zeugen der frohen Botschaft mit ihnen dir entgegengehn“.
So wird dann auch die andere Dimension erfahrbar, dass wir Christen und wir Priester nicht im eigenen Auftrag unterwegs sind, sondern etwas vom Geheimnis Gottes verkörpern.

III

Das heutige Evangelium, liebe Mitchristen, möchte uns alle, und im besonderen dich, lieber Michael, ermutigen.
Der Sämann geht sehr unvorsichtig, ja verschwenderisch mit seinem Saatgut um. Fachleute unserer Tage würden ihm wohl raten, nicht so sehr auf die Menge, sondern mehr auf die Qualität zu achten, also nicht auf den großen Acker, sondern auf das gut vorbereitete kleine Beet zu säen.
Diese Versuchung zur seelsorgerlichen Kleingartenanlage“ ist heutzutage in der Kirche sehr groß, also die Vorstellung der kleinen, aber aktiven Herde.
Jesus mutet uns allerdings etwas anderes zu: das große, oft unübersichtliche und mit allerlei Gestrüpp versehene Feld.
Der Herr will unter den Menschen sein“ – das ist die Mitte unserer Verkündigung. Sie gilt auch den im Glauben Schwachen, den Halbherzigen, den Zweiflern, den Heiden unserer Tage, ja auch denen, die vielleicht gar nichts davon wissen wollen.
Du bist also auch in Zukunft keineswegs überflüssig, lieber Michael, genauso wie wir alle als Christen in unserer Zeit nicht überflüssig sind. Du bist auch nicht jeglicher menschlichen Verfügung entzogen, sondern bleibst ein ganz normaler Mensch wie wir alle. Als diesen Menschen, als Michael Reißer aus Hainsbach, schickt dich Jesus zu den Menschen deiner Gemeinde. Wenn du nicht dieser Mensch bleibst, wirst du auch deinen Auftrag nicht erfüllen können. Nicht eine Rolle sollst du spielen, sondern mit deinen Fähigkeiten mit den Menschen leben, leiden und dich freuen.
Und sie alle, liebe Mitchristen, sehen sie irn Michael und in uns Priestern zuerst den Menschen, auch mit den Schwächen, auch mft den Fehlern, den Menschen, der sich mit ihnen, mit seiner Gemeinde auf den Weg zu Gott macht.
Nur gemeinsam können wir Gottes Liebe erfahrbar machen!
Heute an diesem Festtag aber dürfen wir uns einfach zusammen mit unserem Michael freuen. Wir dürfen Gott zusammen mit unserem jungen Priester loben, weil ER ihn auch durch manch schwierige Wegstrecken geführt hat. Wir dürfen es tun, weil wir uns unserer eigenen Aufgabe als Christen dadurch wieder etwas bewußter werden. Dann hat das heutige Fest seinen Sinn erfüllt. Amen.