"Meine Stärke und mein Lied ist der Herr"
Primiz-Gottesdienst
I
Lieber Michael, liebe Familie Reißer, liebe Mitbrüder,
liebe Gemeinde von Hainsbach-Haindling, verehrte Schwestern
und Brüder im Glauben!
Komm her, freu dich mit uns, tritt ein; denn der Herr will
unter uns sein, er will unter den Menschen sein“
– so haben wir als Eröffnungslied dieses festlichen
Gottesdienstes gesungen. Das ist es wohl, was Menschen auch
heute in größerer Zahl als sonst beim Primizgottesdienst
zusammenkommen läßt. Da ist die Freude über einen, den wir
kennen, einen aus unserer Mitte, der den priesterlichen
Dienst auf sich nehmen will. Da ist auch die Ahnung, dass
Gott uns jetzt – wie in jeder Eucharistiefeier-
besonders nahe ist.
So selbstverständlich ist das trotz aller Festesfreude
heutzutage allerdings nicht. Viele Zeitgenossen halten
Leichenreden auf das Christentum und die Kirche –
übrigens auch keine neue Erscheinung. Aber könnten sie
nicht diesesmal wirklich recht haben?
Unsere Kirchen werden leerer – nicht nur in den
Städten. Christen werden weniger, die Heiden immer mehr.
Kinder und junge Menschen hören im Religionsunterricht zum
ersten Mal wirklich von Gott, müssen ohne Eltern zur
Kommunion oder Firmung kommen, kennen den Gottesdienst nur
aus gelegentlichen Besuchen. Viele Erwachsene kennen nicht
einmal mehr die Grundantworten des Glaubens, gelegentlich
nicht mehr das Vaterunser.
Ist es da nicht bald überflüssig, den Dienst des Priesters
auf sich zu nehmen. Wer braucht ihn noch in 20 oder 30
Jahren? – so meinen einige. Andere halten einer
zunehmend gottlosen Gesellschaft das Bild einer Kirche
entgegen, die geprägt ist – ich zitiere –
...von einer Macht, die mit weltlichen Kategorien nicht zu
messen ist ...“ und nennen den Priester ... Bote
einer anderen Welt, die aber diese unsere irdische Welt
durchdringt, ... Bote, der den wechselnden Interessen der
Weit entzogen ist“ (aus Directorium spirituale“
Juni 2001).
II
Lieber Michael!
Mit beiden Einstellungen kannst du sicher nicht leben:
Nicht mit dem Gefühl des Eigentlich-Überflüssig-Seins und
auch nicht mit dem Gefühl des heute in manchen kirchlichen
Kreisen wieder betonten Bewußtseins des Besonderen, des von
den anderen Menschen Abgehobenen!
Wovon leben wir denn alle wirklich? Davon, dass es Menschen
gibt, die uns annehmen, begleiten, verstehen – so wie
wir selber sind; wir selber, nicht eine Rolle, eine Amt
o.ä. Ich wünsche es dir, lieber Michael, dass viele von
denen, die heute mit dir feiern, auch dann ab und zu an
deiner Seite sind, wenn der Alltag beginnt, die Arbeit,
auch die Erfahrung mancher Erfolglosigkeit.
Wovon leben wir denn wirklich? Sicher vom Wissen, dass Gott
uns nahe ist. Meine Stärke und mein Lied ist der
Herr“ – so hast du es, lieber Michael, in
deinem Primizspruch aus dem Propheten Jesaja ausgedrückt.
Ja, wir leben davon, dass Gott uns nahe ist. Das
unterscheidet uns Christen von manch anderen Religionen!
Diese Nähe Gottes zu uns sollen die Menschen, für die du da
bist, ein wenig an dir spüren können. Und das können sie
nur, wenn du nicht abgehoben und abgegrenzt lebst, sondern
mit ihnen. Im Lob- und Dankgebet über Brot und Wein, das
wir dann sprechen werden, ist ganz konkret gesagt, wie das
geht: Mache uns offen für das, was die Menschen bewegt,
dass wir ihre Trauer und Angst, ihre Freude und Hoffnung
teilen und als treue Zeugen der frohen Botschaft mit ihnen
dir entgegengehn“.
So wird dann auch die andere Dimension erfahrbar, dass wir
Christen und wir Priester nicht im eigenen Auftrag
unterwegs sind, sondern etwas vom Geheimnis Gottes
verkörpern.
III
Das heutige Evangelium, liebe Mitchristen, möchte uns
alle, und im besonderen dich, lieber Michael, ermutigen.
Der Sämann geht sehr unvorsichtig, ja verschwenderisch mit
seinem Saatgut um. Fachleute unserer Tage würden ihm wohl
raten, nicht so sehr auf die Menge, sondern mehr auf die
Qualität zu achten, also nicht auf den großen Acker,
sondern auf das gut vorbereitete kleine Beet zu säen.
Diese Versuchung zur seelsorgerlichen
Kleingartenanlage“ ist heutzutage in der Kirche sehr
groß, also die Vorstellung der kleinen, aber aktiven Herde.
Jesus mutet uns allerdings etwas anderes zu: das große, oft
unübersichtliche und mit allerlei Gestrüpp versehene Feld.
Der Herr will unter den Menschen sein“ – das
ist die Mitte unserer Verkündigung. Sie gilt auch den im
Glauben Schwachen, den Halbherzigen, den Zweiflern, den
Heiden unserer Tage, ja auch denen, die vielleicht gar
nichts davon wissen wollen.
Du bist also auch in Zukunft keineswegs überflüssig, lieber
Michael, genauso wie wir alle als Christen in unserer Zeit
nicht überflüssig sind. Du bist auch nicht jeglicher
menschlichen Verfügung entzogen, sondern bleibst ein ganz
normaler Mensch wie wir alle. Als diesen Menschen, als
Michael Reißer aus Hainsbach, schickt dich Jesus zu den
Menschen deiner Gemeinde. Wenn du nicht dieser Mensch
bleibst, wirst du auch deinen Auftrag nicht erfüllen
können. Nicht eine Rolle sollst du spielen, sondern mit
deinen Fähigkeiten mit den Menschen leben, leiden und dich
freuen.
Und sie alle, liebe Mitchristen, sehen sie irn Michael und
in uns Priestern zuerst den Menschen, auch mit den
Schwächen, auch mft den Fehlern, den Menschen, der sich mit
ihnen, mit seiner Gemeinde auf den Weg zu Gott macht.
Nur gemeinsam können wir Gottes Liebe erfahrbar machen!
Heute an diesem Festtag aber dürfen wir uns einfach
zusammen mit unserem Michael freuen. Wir dürfen Gott
zusammen mit unserem jungen Priester loben, weil ER ihn
auch durch manch schwierige Wegstrecken geführt hat. Wir
dürfen es tun, weil wir uns unserer eigenen Aufgabe als
Christen dadurch wieder etwas bewußter werden. Dann hat das
heutige Fest seinen Sinn erfüllt. Amen.