"Silber und Gold besitze ich nicht ..." (Apg 3,6)
Triduums-Gottesdienst zum Thema "Diakonia"
Stadtpfarrer Johannes Hofmann, Neustadt an der Donau
Ich habe in meinem Kalender vom Jahr 2000 nachgeblättert. Es war Donnerstag, der 09. März. Um 10.32 Uhr kam er mit dem Zug aus Regensburg nach Neustadt an der Donau, um sich vorzustellen. Das Priesterseminar hatte ihn unserer Pfarrei zugewiesen. Ich holte ihn am Bahnhof ab. – Aus dem Zug stieg ein großgewachsener, junger Mann, der ein bisschen schüchtern auf mich zuging. Es war sein erster Besuch bei uns und seine Vorstellung. Wenige Wochen später kam er dann für vier Monate in unsere Pfarrei. Es war eine schöne Zeit. Wir denken gerne daran zurück. Ich denke, ich darf erzählen, Michael, dass diese Wochen und Monate dir zur Entscheidungsfindung helfen sollten. Soll ich Priester werden oder nicht? Führt mich mein Weg ins Kloster oder anderswohin? Was hat Gott mit mir vor? Was ist sein Weg, sein Plan mit mir?
Ja, das ist die Frage, die allein wichtig und allein entscheidend ist: Was hat Gott mit mir vor? Was möchte er von mir und mit mir? Das ist die Frage, die sich einem jungen Menschen stellt, der in den Dienst der Kirche treten möchte. Das ist die Frage, die sich Männern und Frauen stellt, die getauft und gefirmt sind, und als Arbeitnehmer und Arbeitgeber ihren Weg gehen. Das ist die Frage, der sich jeden Tag neu die Kirche stellen muss: Was hat Gott mit uns vor? Was möchte er von uns, heute und hier?
Das Leben der Kirche und das Leben der Christen haben keinen Selbstzweck. Sie sind nicht für sich allein unterwegs. Kirche und Christen sind gesandt, Gottes Reich in dieser Welt anzusagen, sind gesandt, mitzuhelfen, dass Gottes Herrschaft in dieser Welt anbrechen kann. - Bei der Priesterweihe vor knapp 14 Tagen am Hochfest der Apostelfürsten Petrus und Paulus“ sind die elf Weihekandidaten vor den Diözesanadministrator hingetreten und wurden unter anderem gefragt: Seid Ihr bereit, den Armen und Kranken beizustehen und den Heimatlosen und Notleidenden zu helfen?“ Die jungen Männer haben mit Ich bin bereit“ geantwortet. Michael, du auch. Mit dieser Frage und der Antwort darauf wurde dir und wurde uns noch einmal und unmissverständlich in Erinnerung gerufen, was der Dienst des Priesters in der Kirche ist: den Armen und Kranken beizustehen und dem Nächsten zu helfen.
In einer Zeit, in der sich der Mensch in Mitteleuropa und den reichen Ländern der Welt alles leisten kann, in einer Zeit, wo Gut und Geld für viele im Überfluss da sind, da muss sich die Kirche auf ihren ureigensten Auftrag besinnen. Und sie muss sich jeden Tag neu in der Gewissenserforschung fragen und fragen lassen: Was ist der Kern dessen, was uns der Herr aufgetragen hat? Denn darauf wartet die Welt, warten die Menschen in und außerhalb der Kirche. Die Welt hat ein Recht darauf, weil Liebe nicht nur ein Wort ist, sondern zur Tat drängt.
Die Bitte des Gelähmten an der schönen Pforte im Tempel von Jerusalem ist auch heute der flehende Blick der Welt an die Nachfolger und Nachfolgerinnen Jesu Christi. Und heute wie damals müssen – oder besser gesagt – dürfen wir sagen: Silber und Gold besitze ich nicht. Doch was ich habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi, des Nazoräers, geh umher!“ (Apg 3,6)
Wir haben den Auftrag und die Kraft zu heilen – im Namen Jesu Christi. Wie das geht? Es wird so – im tiefsten Sinn des Wortes – anschaulich erzählt. Petrus und Johannes schauen den Bettelnden an und er schaut sie an. So geschieht zu aller erst Heilung. Im Aufmerksam werden für den anderen, im einander Anschauen, im Spüren, wo den anderen eine Not, ein Leid drückt. Wir sollen nicht in der Hetze der Zeit aneinander vorbeieilen, einander nicht übersehen noch aneinander vorbeisehen. Wir sollen dem anderen Ansehen schenken. Die Apostel schauen diesen Menschen an, sie nehmen ihn an der Hand und richten ihn auf. So bekommen Menschen Stand, so lernen sie, auf beiden Füssen aufrecht zu stehen, so werden sie sicher. So geschieht Heil und Heilung. Die Apostelgeschichte sagt es so: Er ging, lief und sprang umher und lobte Gott.“ Die Werbung sagt Redbull verleiht Flügel“ – Die Bibel meint: Das Ansehen Gottes verleiht Kraft, verleiht Flügel.
Das ist die Aufgabe des Priesters, den anderen nicht zu übersehen. So soll er handeln, aber nicht nur er, sondern alle Dienerinnen und Diener der Kirche. Es ist unser aller Dienst, unser aller Aufgabe. Es ist DAS entscheidende Moment, ob wir Kirche Jesu Christi sind oder nicht, dass wir den schwachen, den kleinen, den am Rand annehmen und nicht übersehen.
Es fasziniert zutiefst. Im ehrlichen einander Zuwenden werden Menschen gesund. Es ist bis heute so: die Nähe eines Menschen kann heilen und gesund machen. Das gute Wort, das Lächeln, das Halten der Hand richtet auf, verwandelt und verändert zum Positiven. Das Zeithaben für einen Menschen ist mehr als Geld, manchmal mehr als Medikamente oder unter Umständen mehr als eine geniale Operation. Es scheint unglaublich, aber es ist so.
Du hast viel Zeit bei uns im Altenheim verbracht, Michael. Du kennst es, wie wichtig es ist, sich zu einem alten Menschen hinzusetzen. Du weißt, wie es einem kranken Menschen gut tut, wenn wir bei ihm nachschauen, wenn wir die Krankenkommunion bringen, wenn wir ihm anzeigen: ich vergesse dich nicht!
Es braucht die Liebe, die sagt: ich bin jetzt für dich da. Ich lasse dich nicht allein. Es brauchen nicht nur die alten und kranken Menschen. Auch den Jungen tut es gut, wenn sie Menschen haben, die sie ernst nehmen und ob ihres Andersseins nicht belächeln. Ja, es ist das große Gut Zeit, das wir einander schenken können.
Silber und Gold habe ich nicht – aber ich bin da – gedrängt von der Liebe Christi, die mich zu dir schickt!“ Ob um das Jahr 30 nach Christus herum, ob im Jahre 2002 – die Situation ist vergleichbar. Noch heute warten die Menschen wie der Gelähmte an der schönen Pforte. - Der Kirche darf Sorge dafür tragen, dass der Auftrag Christi und das Wort der Apostel nicht verloren und vergessen wird. Sie weiß sich dieser Aufgabe verpflichtet und hilft mit, dass die Botschaft von der tätigen Liebe Hand, Mund und Herz“ bekommt. Es gibt viel zu tun – packen wir’s an!