Abt Schütz
8. Juli 2002
"Wohin der Fluss kommt, dort bleibt alles am Leben ..." (Ez 47,9)
Triduums-Gottesdienst zum Thema "Leiturgia"
Abt Christian Schütz OSB, Schweiklberg

Es klingt reichlich fremd und schwer vorstellbar, was uns eben als Wort Gottes vorgelesen wurde. Der Verfasser oder Sprecher dieses Textes ist ein Prophet, der im Geiste den idealen Tempel der Zukunft schaut, Im Bild vom Wasser, das vom Tempel ausgeht, das sich durch großen Fischreichtum auszeichnet und an dessen Ufern unwahrscheinlich fruchtbare Bäume gedeihen, wird die Segenswirkung des Tempels und des darin gefeierten Gottesdienstes veranschaulicht. Warum der Seher gerade zu diesem Bild greift, das mag mit den örtlichen Gegebenheiten des Jerusalemer Tempels zusammenhängen. Eine Brücke zum Verständnis des Gelesenen könnten uns vielleicht die vielen herrlichen Brunnen bauen, die es gibt. Wer z. B. einmal in Rom gewesen ist, der konnte unmöglich die vielen höchst künstlerisch gestalteten Brunnen übersehen – es soll insgesamt mehr als 300 davon geben –, die zum Teil vor den Eingängen der Kirchen postiert sind. Sie lassen gerne das Wasser in Fontänen in die Luft steigen, um es dann in Kaskaden herabfallen zu lassen und es in Becken und Schalen zu sammeln. Wer vor so einem Wunderwerk der Kunst oder auch der Natur in der Gestalt von Wasserfällen steht, der ahnt etwas vom Geheimnis, von der Kraft, der Bedeutung und dem Bilderreichtum des Wassers. Uns, die wir mit dem Wasser nur noch über den Wasserhahn oder den Brausenkopf in Berührung kommen, ist vieles davon verloren gegangen. Aus diesem Grund tun wir uns auch schwer, den Tempel, das Waszer und den Gottesdienst zusammenzuschauen.
Vielleicht tut es uns gut, wenn wir für einen Augenblick unser allzu nüchternes und profanes Verständnis des Wassers, der Kräfte und des Geschehens der Natur beiseite legen; blättern wir statt dessen unvoreingenommen im Gebetbuch der Bibel und lassen uns davon an die entsprechenden Wasserstellen führen! Mit einer geradezu umwerfenden Naivität ist darin davon die Rede, dass die Wasser über dem Himmel, Regen und Tau, Blitze und Wolken Gott loben, die Herrlichkeit Gottes preisen. Genauso unbekümmert werden Flüsse und Ströme, Bäche und Quellen aufgefordert, in das Lob Gottes einzustimmen. Natürlich sind sie es nicht allein, an die die Aufforderung zur Verehrung Gottes ergeht, vielmehr sind sie eingebunden in den großen Chor der gesamten Schöpfung und aller einzelnen Geschöpfe. Wir sagen gerne, das alles sei nur eine bildhafte, rhetorische oder dichterische Ausdrucksweise, treffen damit aber wahrlich nicht den Nagel auf den Kopf. Ist es nicht vielmehr so, dass uns der Gedanke (und der Glaube) daran, dass von Haus aus alles, was geschaffen ist, im Dienst Gottes steht, Gottesdienst feiert und verrichtet, Gott lobt und preist, nahezu abhanden gekommen ist? Wenn wir das Wort vom Gebet und Gottesdienst hören, denken wir gleich an uns selber. Und der zweite Gedanke, der sich sofort dabei einstellt, lautet nicht selten: Ja, muss ich das denn? Muss man denn unbedingt beten oder am Sonntag in die Kirche gehen? Eigentlich ist das eine völlig falsch gestellte Frage. Diese Frage ist so falsch, wie wenn jemand fragen würde: Muss ich denn überhaupt atmen oder essen oder trinken? Für die Bibel ist es eine Grundselbstverständlichkeit, dass alles, was lebt, auf seine Weise Gott verherrlicht. Es lobt das Licht und das Gestein gar herrlich dich mit Schweigen“, so singen wir in einem bekannten Kirchenlied. Alle geschaffenen Dinge (mit Ausnahme des Menschen) loben völlig fraglos, selbstlos, ohne Wenn und aber Gott, ihren Schöpfer. Sie haben diese Fähigkeit und deren Vollzug mit dem Eintritt in diese Welt und ihr Dasein bereits mitgebracht. Es ist nicht einzusehen, warum das bei uns Menschen plötzlich so ganz anders sein sollte. Nur wir reden von der Pflicht, vom Zwang, vom Gebot oder von der Vorschrift zu beten. Alle anderen Geschöpfe tun und brauchen das nicht, sie loben Gott von selber und von sich aus. Vielleicht sollten wir uns von der Schöpfung und den Geschöpfen wieder einladen lassen, in ihr Gotteslob einzustimmen. Es wäre schon einiges, wenn wir dem Gesang der Vögel lauschen oder die stumme Pracht einer blühenden Wiese betrachten würden; wenn wir auf das Rauschen und Schweigen des Waldes horchen oder dem Spiel des Lichtes und der Wolken zuschauen würden. Oder um beim Bild des Wassers zu bleiben, wenn wir die stille Melodie eines Baches oder eines Stromes zu entdecken und mitzusummen versuchen würden. Die Natur ist alles andere als geizig, wenn es darum geht, Gott zu loben. Sie verströmt viel mehr Licht und Wasser und Luft und Farbe, als unbedingt zum Leben und Wachstum notwendig ist. Das Gebetbuch der Natur liegt aufgeschlagen vor unseren Augen und unseren Herzen. Lernen wir wieder darin lesen, hören, beten und leben. Es würde sich lohnen. Wir feiern diesen Gottesdienst in einer ehemaligen Benediktinerkirche, einem Raum, in dessen Mauern wohl noch etwas steckt vom Gotteslob, das die Mönche hier verrichtet haben. In ihrer Regel heißt es: Siebenmal am Tag lasst uns unserem Schöpfer den Lobpreis darbringen. Der Schöpfergott ist der Gott, der uns mit allen und allem ohne Ausnahme verbindet. Die Verherrlichung und Anbetung des Schöpfers bezeichnet das Werk und die Bestimmung alles Geschaffenen. Sie ist das gemeinsame Band, die gemeinsame Sprache, die alle beherrschen und verstehen, das Gebet, das allen ins Herz und ins Leben geschrieben ist.
Das hört sich alles sehr schön an. Aber als aufgeklärte und kritische Menschen, die wir nun einmal sind, fragen wir zurück: Was habe ich denn davon, wenn ich bete? Was bringt es mir, wenn ich sonntags den Gottesdienst mitfeiere? Wozu soll das alles gut und von Nutzen sein? Ich brauche das nicht. Es fehlt mir auch nichts. Wir alle kennen solche und ähnliche Standpunkte. Was ist davon zu haiten? Was ist dazu zu sagen? Es wird schwer oder unmöglich sein, jemanden, der davon keine leise Ahnung hat, vom Gegenteil zu überzeugen. Die vielleicht noch am leichtesten zu erreichende Übereinstimmung könnte lauten: Wenn einem das Beten noch nicht genützt hat, geschadet hat es ihm aber auch nicht. Es ist mehr als eine biblische Lebenserfahrung und –weisheit, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt. Unser Leben ist das, was wir selber daraus machen; es ist das, mit welchen Augen wir es anschauen. Wir sagen ja auch: so oder so, wie der oder die lebt, möchte ich nicht leben. Wir können aus unserem Leben etwas machen, ihm einen Sinn, eine Aufgabe, einen Inhalt, ein Ziel geben. An Angeboten oder Möglichkeiten dafür fehlt es wahrlich nicht. Der Katalog der Lebenschancen enthält mehr als genug Variationen. So bunt diese Liste auch sein mag, wir müssen wählen und entscheiden. Wir können weder alles werden noch alles haben. Daneben bleibt das Leben bei allen Gemeinsamkeiten immer auch noch unser eigenes und ganz persönliches Leben, mit unserem einmaligen Lebensverlauf, unseren Talenten und Begabungen, aber auch mit unseren Grenzen, Fehlern, Schicksalsschlägen, Krankheiten und auch Leiden. Wie kommen wir damit zurecht? Wer sein Leben wirklich leben und gestalten will, der braucht dazu auch allerhand Kraft. Woher bekommt er sie? Er hat sie auf alle Fälle nicht von sich und von Haus aus. Natürlich denkt ein überzeugter und aktiver Christ an dieser Stelle an den Gottesdienst und das Gebet. Ihm kann man von der anderen Seite sofort entgegenhalten: Warum sieht und merkt man davon so wenig?
Ich möchte darauf mit dem Bild vom Wasser aus unserem biblischen Text antworten. Das Wasser ist im Grunde unwahrscheinlich selbstlos. Es dient nicht sich, sondern den anderen, ihrem Durst, ihrer Reinigung, ihrem Wachstum. Es versickert im Boden, es verdunstet oder verdampft; es fragt nicht lange, wohin es sein Weg führt, wem es dient oder wofür es gebraucht wird; es hält nichts von sich zurück, sondern verausgabt sich geradezu grenzenlos. Das Wasser schaut nicht auf sich, denkt nicht an sich, es gibt und verschenkt sich so sehr, dass es total verschwinden und nichts mehr von ihm übrig bleiben kann. Es sagt nicht: Was habe ich davon? Was springt dabei für mich heraus? Nichts dergleichen. Und doch regt sich überall, wo das Wasser hinkommt, Leben, zeigen sich Boten, Spuren, Signale des Lebens, und das was für welche! Und das gilt so sehr, dass man den Grundsatz aufstellen konnte und kann: Ohne Wasser kein Leben.
Ob diese Beobachtung nicht auch auf das Wasser des Gebetes im Blick auf unser Leben zutrifft? Sicher lässt sich die Bestätigung dafür nicht schon auf der Oberfläche des Lebens für jedermann sichtbar und greifbar ablesen. Aber es gibt sie, wenn wir auf den Tiefgang des Lebens und der Lebensläufe achten. Eines wird man nicht bestreiten können, dass nämlich das Gebet nach wie vor eine der besten Voraussetzungen für ein gründliches, solides, zufriedenes und erfülltes Leben darstellt. Gebet und Gottesdienst sind etwas vom Überflüssigsten, was es gibt in dieser Welt und unserem Leben. Sie sind so überflüssig wie die Liebe oder die Schönheit oder in gewissen Grenzen auch die Freiheit. Und doch lebt letztlich alles davon, weil hier nicht der Zweck, die Notwendigkeit, die Nützlichkeit oder die Verpflichtung das Sagen haben, sondern die Freiheit, die Gnade, die Freude des Umsonst einer letzten Huld.
Dieser abendliche Gottesdienst steht im Zeichen der Vorbereitung und Einstimmung auf die Primiz eines Neupriesters. Bei der Weihe wird der Kandidat vom Bischof gefragt: Bist du bereit, die Mysterien Christi, besonders die Sakramente der Eucharistie und der Versöhnung zum Lobe Gottes und zum Heil seines Volkes in gläubiger Ehrfurcht zu feiern? Und: Bist du bereit, im Gebet, das uns aufgetragen ist, Gottes Erbarmen für die dir anvertraute Gemeinde zu erflehen? Mit dieser Bereitschaftserklärung wird der Priester zum höchst offiziellen und persönlichen Liturgen, Beter und Vorbeter bestellt. Wir brauchen in der Kirche solche anfassbare Modelle des Betens und von Betern. Sie liefern die Garantie dafür, dass die Verheißung auch heute und in Zukunft gilt: Wohin der Fluss des Gebetes, der Ehre und Verherrlichung Gottes, der Anbetung kommt, dort bleibt alles am Leben. Ein Wort voller Trost, aber auch voller Hoffnung, ein Geschenk, aber auch ein Appell an uns alle.