Spiritual Graf
12. Juli 2002
"Ich kann doch nicht reden ..." (Jer 1,6)
Triduums-Gottesdienst zum Thema "Martyria"
Spiritual Dr. Josef Graf, Regensburg

Der Priester – Zeuge von Beruf
Vor ein paar Jahren hatte man in der Diözese Essen eine Idee, um etwas gegen den immer drückender werdenden Priestermangel zu tun. Man wollte mit einer Plakataktion für den Priesterberuf werben und beauftragte eine Webeagentur. Es sind ein paar Plakate mit witzigen Aufschriften herausgekommen. Auf einem stand: Wer die Herzen der Menschen öffnen will, der wird Chirurg oder Priester!“ Auf einem anderen war zu lesen: Wer Licht in die Welt bringen will, wird Elektriker oder Priester.“ Etwas seltsam klingende Verbindungen, die da zwischen dem Chirurgen und dem Priester oder zwischen dem Elektriker und dem Priester hergestellt werden, finden sie nicht auch?
Der Priester muß ja wohl doch im Menschen an etwas anderes herankommen als der Chirurg bei einer Herzoperation. Und der Elektriker ist für ein anders Licht zuständig als der Priester. Da ist bewusst mit der Vieldeutigkeit der Begriffe Herz und Licht gespielt. Gewiss haben die Plakate in Bochum Aufmerksamkeit erweckt. Manche Kirchenleute haben den Kopf geschüttelt über diese Werbeaktion: So kann man doch nicht ernsthaft für den Priesterberuf werben. Doch die Verantwortlichen des Bochumer Priesterseminars konterten: Wir wollten mit der Plakataktion einfach dazu anstiften, über das Priestertum wieder ins Gespräch zukommen.“[1] Denn für viele ist das doch überhaupt kein Gesprächsthema mehr. Ja, viele Menschen haben heute überhaupt keine genau Vorstellung mehr davon, was der Priester eigentlich ist und worum es beim Priesterberuf geht.
Wozu ist der Priester da? Was hat er für eine Aufgabe? Wo liegt der tiefste Sinn seines Berufes? Worin liegt das Wesen des Priesterberufes. Wie würden wir auf diese Frage antworten, liebe .... ?
Eine wesentliche Teilantwort betrachten und meditieren wir in diesem Wortgottesdienst zur geistlichen Vorbereitung der Primiz ihres Neupriesters, Michael Reißer. Er hat einen griechischen Begriff zum Thema, die Martyria“. Martyria heißt zu deutsch: Zeugnis“. Brauchen wir noch Zeugen? So wurde vor zehn Jahren im Titel eines geistlichen Buches gefragt.[2] Die Antwort des Buches war ein klares Ja: Ja, wir brauchen den Zeugen in mehrerlei Hinsicht. Zum einen schon deshalb, weil das Christentum zuinnerst mit einem Zeugnis zu tun hat. In der Dreiheit von Martyria, Leiturgia und Diakonia, zu deutsch von Glaubenszeugnis, Liturgie, und Dienst am Nächsten, sah man seit ältester Zeit die wesentlichen Aufgaben der Kirche Jesu Christi. Das Zeugnisgeben gehört zurSendung der Kirche. Der Glaube braucht das Zeugnis.
Und das gilt zunächst für alle Christen. Jeder Christ ist von den Grundsakramenten der Taufe und Firmung her dazu berufen, für seinen Glauben Zeugnis zu geben. Der Zeugnisdienst des Priesters steht nicht neben und erst recht nicht gegen das von allen Getauften und Gefirmten erwartete Glaubenszeugnis. Doch der Priester hat darüber hinaus eine besondere Zeugnisfunktion.
Der Priester ist sozusagen ein amtlicher Zeuge des Glaubens. Er ist eine Zeuge von Beruf. Das Zeugnisgeben ist das Wesen seines Berufes. Wie und wo hat er seinen Zeugendienst zu versehen?
Bei seiner Weihe zum Priester am Samstag vor einer Woche im Dom zu Regensburg wurde der aus ihrer Gemeinde stammende Neupriester mit seinen Mitbrüdern vom Bischof gefragt: Seid ihr bereit, in der Verkündigung des Evangeliums, und in der Darlegung des katholischen Glaubens den Dienst am Wort Gottes treu und gewissenhaft zu erfüllen?
Von der Verkündigung des Evangeliums und von der Darlegung des Glaubens ist da die Rede. Sein Zeugenamt hat der Priester also in erster Linie in seinem Verkündigungsdienst zu vollziehen. Er muß das Evangelium verkünden.
Diese Aufgabe ist groß. Ihr Neupriester ist sich dessen bewusst. Ein schönes Wort des alttestamentlichen Propheten Jeremia hat Michael als Motto über diesen Gottesdienst geschrieben: Ich kann doch nicht reden.“ (Jer 1,6) Das sagt der Prophet Jeremia von sich selbst. Es ist seine Antwort auf seine Berufung zum Propheten durch Gott. Eben wurde uns die Stelle als Lesung verkündet.
Ich finde es gut, wenn dieses Wort einem Neupriester etwas sagt und ihm gleichsam aus der Seele spricht. Wir müssen uns dessen bewusst bleiben, dass wir eine Botschaft auszurichten und zu bezeugen haben, die eigentlich zu groß für uns ist. Eine ßotschaft die fordert, ein Zeugendienst, der oft genug zu überfordem droht.
Jener alttestamentliche Prophet Jeremia hat das selbst schmerzlich erfahren. Wie kein anderer Prophet hatte er unter Anfeindungen zu leiden, weil er die Botschaft Gottes ohne Wenn und Aber zu verkündigen wagte.
Wenn wir Priester uns den Propheten Jeremia zum Vorbild nehmen wollen in unserem Zeugenamt, so wird das zum einen für uns heißen, daß wir den Widerspruch nicht scheuen dürfen, wenn wir in unserer heutigen Welt Gottes Wort ausrichten wollen. Der Priester wird den Menschen nicht nach dem Mund reden dürfen und er wird nicht immer zu ihrem Geschmack reden können, wie viele das heute gerne hätten. Der Priester darf es sich nicht zu leicht machen, denn er ist gebunden an das Wort Gottes, dem er in Verantwortung zu dienen hat.
Der Priester ist zur Verkündigung des Evangeliums bestellt. Das heißt, das was er zu sagen hat, das darf er sich nicht selbst zusammenbrauen nach dem Gesichtspunkt, wie es den Leuten gefallen könnte, zu denen er redet. Vielmehr hat er sich immer zunächst zu fragen: Was sagt unser Glaube? Was habe ich zu verkünden? Der Priester ist auf den Glauben verpflichtet, der in der Hl. Schrift und in Tradition unserer Krche grundgelegt ist. Es ist wichtig, daß wir uns in unseren Erwartungen, die wir an den Priester stellen, immer dessen bewusst bleiben, daß der katholische Priester ein Mann ist, der gebunden ist an den Glauben seiner Kirche.
Freilich dieser Glaube, das ist nicht nur ein abstrakter Sachverhalt oder ein Gebäude von Lehren. Beim Glauben, da geht es um noch mehr. Um etwas Lebendiges. Es geht letztlich um Gott selbst, um Gott, der sich uns in Jesus Christus endgültig kundgetan und uns in Christus Heil und Leben schenken will.
Glaubwürdig bezeugen, daß Gott uns in Christus Heil schenkt, das kann der Priester nur, wenn er selbst davon zutiefst überzeugt ist und wenn er innerlich ergriffen ist von diesem Gott.
Der heutige Erzbischof von Paris, Kardinal Lustiger, leitete bevor er Bischof wurde lange Jahre das katholische Begegnungszentrum an der Sorbonne, der größten Universität Frankreichs. Da es dort auch viele deutschsprachige Studenten gibt, bat Jean Marie Lustiger einen befreundeten deutschen Weihbischof, er solle ihm doch für ein paar Jahre einen deutschen Priester schicken, der ihm bei der Universitätsseelsorge helfen könnte. Der Weihbischof fragte, welche besonderen Qualifikationen der Priester haben sollte, ob er einen akademischen Titel, eine spezielle Ausbildung bräuchte oder sehr gute Fremdsprachenkenntnisse haben müsste und so weiter. Darauf sagte Lustiger. Das ist alles zweitrangig, aber schick mir bitte einen Mann, der Geschmack an Gott gefunden hat.“ Das war für den späteren Kardinal von Paris das Wichtigste: daß er jemanden bekam, der Geschmack an Gott gefunden hatte.
Der Priester als Zeuge von Beruf muß zu allererst selbst Geschmack an Gott gefunden haben. Von Gott begeistert sein. Vieles andere ist zwar auch wichtig, wie etwa eine gute Ausbildung, ein gediegenes philosophisch-theologisches Wissen, die Fähigkeit auf Menschen zuzugehen, Teamfähigkeit, usw. Aber nur, wenn der Priester ein Mensch ist, der auf den Geschmack Gottes gekommen ist und von Gott begeistert ist, kann er ein glaubwürdiger und überzeugender Glaubenszeuge sein.
Der Priester ist Zeuge von Beruf: Darum geht es: Dass er Gott einbringt in diese Welt, die ihn so oft vergisst und außen vorhalten will. Dass er zu diesem Gott führt, der uns in Christus Heil und Lebens schenkt. Der Priester hat in erster Linie das zu geben, was die Welt sich selbst nicht geben kann; Christus hat er zu bringen.
Nicht wir Priester sollen in unserem Beruf groß herauskommen, sondem Christus soll den Menschen gebracht werden. Nicht unsere Fähigkeiten sind das Entscheidende, sondern was der Herr tut. Ihn sollen wir zur Geltung kommen lassen und uns nicht selbst in den Mittelpunkt drängen.
Mich beeindruckt es immer, wenn bei der Priesterweihe den durch Handauflegung und Gebet zum priesterlichen Dienst bestellten Männern die leeren Hände mit dem Chrisam gesalbt werden. Mit dem Chrisamöl werden den Neugeweihten die Anfangsbuchstaben des Christusnamens in die Hände gezeichnet. Das sagt mir: Von sich aus stünde der Priester letztlich doch mit leeren Händen da. Und mag er noch so gescheit und noch so befähigt sein. Mag er noch so lange studiert und noch so viele Kurse besucht haben. All das ist gewiss richtig und wichtig.
Aber das Entscheidende seines Berufes kommt woanders her: Christus ist dem Priester in die Hand geschrieben. Ihn hat er zu bezeugen. Ihn hat er einzubringen. Der Priester muß sich stets dessen bewusst bleiben, daß er im Tiefsten seines Wirkens etwas geben darf, was nicht von ihm kommt und über seine eigenen Möglichkeiten hinausgeht.
Und das kann uns Priester bei allen Anforderungen und bei manchen Überforderungen, doch gelassen machen: Es ist ja nicht unser Können, auf das es letztlich ankommt. Vielmehr kommt es darauf an, daß wir von Christus herkommen, ihn bezeugen und ihn einbringen. In der eben gehörten Lesung aus dem Propheten Jeremia kommt dies auch sehr schön zum Ausdruck. Der berufende Gott tröstet und ermuntert den Propheten, der sich als zu jung und zu wenig befähigt für den Verkündigungsdienst empfindet. Sag nicht: Ich bin noch so jung. Wohin ich dich sende, dahin sollst du gehen, und was ich dir auftrage, das sollst du verkünden. Fürchte dich nicht vor ihnen, denn ich bin mir dir.“ (Jer 1,7f). Möge der aus ihrer Gemeinde hervorgegangene Neupriester, der am kommenden Sonntag mit ihnen Primiz feiern wird immer etwas diesen tröstlichen Zuspruch des berufenden und sendenden Gottes erfahren dürfen.
[1] H.-W. Thönnes: mit Plakaten Kandidaten werben, in: Berufung. Zur Pastoral der geistlichen Berufe, Heft 37 (1999) S. 32f.
[2] K. Lehmann, R. Schnackenburg, Brauchen wir noch Zeugen? Die heutige Situation in der Kirche und die Antwort des Neuen Testaments, Freiburg Basel Wien 1992.